Haben wir, als HS/HB, das Recht unsere Vorstellungen durchzusetzen?

Lass mich diese Frage gleich in den richtigen Kontext stellen, mit einem Erlebnis, dass ich vor einigen Tagen hatte und das mich bis heute nicht recht zur Ruhe kommen lässt. Es handelte sich um eine Online-Begegnung, die mich fürchterlich aufregte, weil ich mir so hilflos vorkam. Was war passiert?

Der Kürschner-Encounter

Vorab ein paar Randbemerkungen. Dies alles spielte sich im aktuellen Addon Legion von World of Warcraft ab. Kürschnern ist dort der Beruf des Tiere häutens, um Leder zu erhalten, aus dem man dann wieder Rüstungsteile für die Charaktere herstellt. Man muss also schon eine Menge pixeliger Tiere umhauen, um ausreichend Leder zu bekommen. Und genau das hatte ich an diesem Tag vor. Ich wollte zu einer kleinen Insel, auf der ich früher schon erfolgreich Leder gesammelt hatte. Auf dieser kleinen Insel, tummeln sich auf sehr kleinem Raum, sehr viele Tiere, was das Kürschnern dort sehr effektiv macht. Bei meinem letzten Besuch dort, war ich alleine. So erwartete ich auch diesmal, niemandem zu begegnen.

Als ich ankam, war dort aber bereits ein anderer Spieler unterwegs um Leder zu sammeln. Ich war der Meinung, auf der Insel gäbe es ausreichende Ressourcen, damit wir dort beide bleiben konnten. Und so begann ich die Tiere anzugreifen, um Leder zu sammeln. Immer dort, wo der andere Spieler nicht war, schließlich wollte ich ihm nichts weg nehmen. Der andere Spieler war da aber wohl ganz anderer Meinung. Er kam in meine Richtung und schlug ebenfalls auf dieselben Tiere, die ich gerade für mich ausgesucht hatte. Nun verhält es sich so, dass jeder der mit auf einen Gegner haut, auch Beute von diesem bekommt. Nur wenn jeder Spieler diese Beute an sich genommen hat, kann man am Ende kürschnern und Leder erhalten. Ihm fiel es jedoch nicht ein, diese meine Gegner zu looten ( der Fachbegriff zum Beute sammeln). So konnte ich kein Leder sammeln… Ich begann mich aufzuregen. Wie konnte jemand so eine Arschloch sein und mir mein Leder versagen, wo ich ihm ganz bewusst aus dem Weg gegangen war um ihn nicht zu stören. Ich wollte ja schließlich nicht seine Beute, ich wollte meine eigene. Dieser Spieler schien das anders zu sehen. Also sprach ich ihn an, er möge doch bitte mal looten, damit ich, was meins war, an mich nehmen konnte. Er lehnte das ab. In meinem Unverständnis wurde ich ungehalten, woraufhin er meinte, er wäre zuerst da gewesen, ich sollte mich verkrümeln. Ich war definitiv andere Meinung zu diesem Thema und zwar folgendermaßen: Nur weil man zuerst irgendwo ist, gehört einem dieser Teil noch lange nicht. Es waren genug Gegner da, um zu zweit dort unterwegs zu sein. Und ich meinte, dann müsse man eben teilen. So macht man das bei einem Kompromiss.

Ich blieb also dort und versuchte weiter, nach meinem Verständnis, die Gegner zu teilen und friedlich nebeneinander zu kämpfen. Pustekuchen. Der andere Spieler griff immer wieder meine Gegner an und ließ sie ungelootet einfach liegen. Da dachte ich mir dann, das Spiel kann man auch zu zweit spielen und ließ mich auf dieses Gerangel ein. Gefallen hat mir das kein bisschen. Ich wollte in Frieden mein Leder sammeln und hatte auf solche Spielchen überhaupt keine Lust. Ich wusste mir gegen dieses dreiste Verhalten aber auch keinen anderen Rat, als einfach mitzuspielen. Gehen kam für mich nicht in Frage. Das käme einem Eingeständnis im Unrecht gewesen zu sein nahe und Teilen ist doch eh viel netter. Ich kam mir tatsächlich regelrecht gemobbt vor, von diesem gängelnden Verhalten meines Gegenüber. Am Ende ging ich dann doch. Ich rechtfertigte es vor mir mit dem Gedanken, dass ich ja jetzt anderes zu tun hätte. Aber das blöde Gefühl, in dieser Situation absolut handlungsunfähig und hilflos gewesen zu sein, blieb.

War ich so nett wie ich glaubte?

Ein Gedanke beschäftigte mich nach diesem Vorfall, der etwas anders schon einmal vorgekommen war. Was, wenn ich gar nicht so nett war, wie ich mir das zu diesem Zeitpunkt gedacht hatte? Mit welchem Recht wollte ich eigentlich, dass mein Gegenüber teilte, anstatt alles für sich zu beanspruchen? Ja, mit welchem Recht… weil ich so ein mitfühlender, mir über alles Gedanken machender, alles ausgleichender, um Harmonie bemühter Mensch bin? Das qualifiziert eigentlich nicht dazu, anderen etwas abzusprechen, nur weil man meint es besser zu wissen. Mir ist jedoch aufgefallen, dass man dieses Verhalten bei HS/HB häufig antrifft. Aufgrund unseres Mitgefühls und Verständnisses erwarten wir genau dies auch von unseren Mitmenschen. Wir setzen voraus, dass andere die gleichen Ziele haben wie wir, nämlich Frieden und Harmonie. Damit rechtfertigen wir, unbewusst, uns über andere aufzuregen und beleidigt in einer Ecke zu sitzen und über die große, böse, ungerechte Welt zu jammern. Aber mit welchem Recht tun wir das?

Ich habe viel über mein Erlebnis beim Leder sammeln nachgedacht. Denn ich wollte mich nicht mehr hilflos und handlungsunfähig fühlen. Ich wollte in so einer Situation handeln! Auch wenn dieses Erlebnis in einer virtuellen Umgebung stattfand, erleben wir solche Situationen auch im realen Leben. Wir alle kennen den, uns sehr verhassten Ausspruch „Das haben wir aber immer so gemacht“. Da kräuseln sich uns doch regelmäßig die Fingernägel *brrr* Im Grunde ist es hier aber auch so, mit welchem Recht wollen wir unseren Mitmenschen diese Meinung und diese Handlungsweise versagen? Nur weil wir es, möglicherweise, besser wissen? Vielleicht möchten unsere Mitmenschen es nicht leichter und angenehmer haben. Vielleicht tun sie sich bei Veränderungen einfach schwer.

Ich machte mir viele Gedanken, wie ich in dieser Situation, hätte anders reagieren können. Ich war eigentlich nie gut darin mich durchzusetzen, aber immer klein beigeben, das ist mir auch zuwider! Es kann ja nicht sein, dass ich immer zurück stecken muss und andere einfach so etwas für sich beanspruchen. Ich grübelte, wie ich die Situation für mich hätte entscheiden können. Mir fiel nichts ein. Außer meinem Gegenüber den Kampf anzusagen und noch gemeiner zu sein als dieser. Nein, das ist nun wirklich nicht meins. Welche Alternative bleibt mir? Den Besitzanspruch meines Mitspielers anzuerkennen und mich zurückzuziehen. Ich hätte noch nach einem anderen Ort fragen können und wäre dann gegangen. Das hätte mir, und ihm, viel Frust erspart. Es war mein Stolz, es doch nur gut zu meinen, der mich dort bleiben ließ. Schließlich war ich doch eigentlich im Recht? Wir wollten beide etwas, also hätten wir es doch einfach teilen können.

 Respekt vor den Mitmenschen

Ich denke, jeder hat ein Recht auf sein eigenes Leben. Wenn jemand nicht teilen möchte, dann habe ich das zu respektieren, egal wie sehr im mich moralisch überlegen wähne. Wenn jemand bei seinem alten erprobten Verfahren bleiben möchte, habe ich das zu respektieren, auch wenn ich mein Verfahren als wesentlich effektiver ansehe. Egal was jemand für sich für richtig hält, wenn ich diesen Menschen respektiere, dann habe ich ihn in seinem Sein so zu lassen wie er ist. Das fällt uns erziehungsbedingt nicht leicht. Denn wir haben meist die Erfahrung gemacht, dass man uns eben nicht so sein lässt, wie wir sind. Dann können wir aber mit gutem Beispiel voran gehen und nicht denselben Fehler machen, sondern unsere Mitmenschen trotzdem so respektieren, wie sie eben sind.

Auch wenn es mir nicht leicht fällt, muss ich mir eingestehen dass ich aus Stolz meinem Mitspieler sein Recht auf sein so sein, nicht zugestehen wollte. Ich wollte mich durchsetzen und bin natürlich gescheitert. Es liegt jedoch keine Schwäche darin, den anderen anzuerkennen und sich zurückzuziehen. Wir sind dann nicht gescheitert. Wir waren respektvoll im Umgang miteinander. Dies gilt natürlich nicht nur für Hochsensible, sondern für jeden Menschen.

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