Zusammenhang zwischen Hochsensibilität und Hochbegabung?

In den letzten zwei Wochen kämpfe ich mit den Definitionen. Nicht nur für mich, auch für dich, der ich klar damit gegenüber treten möchte. Eine Überarbeitung der entsprechenden Seiten ist nämlich in Planung. Nur kann ich so lange nichts klar darüber schreiben, wie ich mir selbst nicht darüber im klaren bin.

Zuerst war die Hochsensibilität

Zumindest bei mir, wie du hier nachlesen kannst. Es war die erste Begrifflichkeit, die Licht in meine Dunkelheit brachte. Und eigentlich stach für mich die hochsensible Seite auch mehr heraus als die Hochbegabte, wobei sich einige Eigenschaften durchaus überlappen. Mittlerweile wandelt sich meine Wahrnehmung jedoch. Mir wird immer mehr bewusst, wie ich denke und durch die Welt gehe und sie erlebe und jedes Mal frage ich mich, ist das bei den anderen auch so? Ist das jetzt wieder eine Sache der HS oder HB oder hat das nun wirklich jeder? Ich habe keine Ahnung und das macht es nicht leichter. In letzter Zeit habe ich auch kaum Kontakt zu ’normalen‘ Menschen und die freundliche Frau an der Kasse macht auch keinen großen Unterschied, weil keine Unterhaltung zustande kommt in der ich etwas über ihre Wahrnehmung feststellen könnte.

Mittlerweile kommt mir also die hochbegabte Seite stärker zu Bewusstsein. Habe ich mich nun einige Zeit hinter dem Begriff ‚Vielbegabt‘ versteckt, so muss ich mittlerweile die Hochbegabung akzeptieren. Sie schiebt sich scheinbar immer mehr in den Vordergrund und möchte beachtet werden. Dabei habe ich einige Bücher zum Thema gelesen, konnte mich jedoch nie so recht damit identifizieren, im Gegensatz zu Büchern über Hochsensibilität. Die Schilderungen über Kindheit und Schulzeit von Hochbegabten passen nicht so recht zu dem, woran ich mich erinnern kann. Aber meine Erinnerungen an diese Zeit sind gerade auch nicht die klarsten.

HS, HB, Scanner; alles eins?

Gleich vorweg, ich hab’s absolut nicht mit Quellen. Ich lese etwas, gleiche das mit meinen Erfahrungen ab und halte die Infos im Hinterkopf, aber es ist mir egal wer da wann was gesagt hat. Vor allem da sich die Erkenntnisse stetig wandeln und scheinbare Tatsachen von gestern, heute überholt sind. Das bringt mich dazu nur noch meinem eigenen Gefühl zu vertrauen, denn zu jedem Thema gibt es mindestens doppelt so viele Meinungen wie Personen, die darüber sprechen. Dabei bin ich mir durchaus bewusst, dass meine Erfahrungen nicht unbedingt repräsentativ sind, sehe auch ich nur einen kleinen Ausschnitt der Welt.

Aber zurück zum Thema. Die Idee, dass im Grunde alles auf eine Art Hochbegabung zurückzuführen ist, gefällt mir ganz gut, allerdings nicht zu 100%. Nicht jeder intelligente Mensch muss gleich hochsensibel sein oder umgekehrt, denn wie in allem gibt es hier etliche Abstufungen. Das fällt auch auf, je mehr Menschen ich kennen lerne, die für sich selbst festgestellt haben, dass sie HS/HB sind. Jeder ist anders. Ich glaube mir sind noch keine zwei Menschen begegnet, bei denen sich diese Veranlagung in gleicher Ausprägung zeigt. Gut, wahrscheinlich gibt es auf der Welt eh keine zwei Menschen die gleich sind, von Zwillingen mal abgesehen und selbst die unterscheiden sich, auch wenn sie eineiig sind. Bei HS/HB, scheint nach einiger Zeit auch klar zu werden, dass die einzige Gemeinsamkeit eben die Hochbegabung oder Hochsensibilität ist, was ich ziemlich ernüchternd finde. Aber zumindest trifft man Menschen, mit denen man sich auf Augenhöhe und gleichem Niveau unterhalten kann und das ist einfach unbezahlbar.

Sieht man Hochbegabung einfach als ein mehr von allem, also auch ein mehr an Wahrnehmung und Verarbeitung, und nicht nur als einen IQ ab 130 und logischen Höchstleistungen, so passt die Hochsensibilität wunderbar ins Konzept. Und trotzdem bekomme ich immer wieder einen Knoten im Kopf, wenn ich zu lange über mögliche Zusammenhänge nachdenke. Dabei sind HS und HB ja nicht die einzigen Begriffe, die einem begegnen, wenn man beginnt sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Ob es wirklich einen Zusammenhang gibt, ich weiß es nicht. Immer wieder scheint die Verbindung klar zu sein und im nächsten Augenblick zweifle ich wieder. Ich werde noch wesentlich mehr Zeit brauchen, mir über einen eventuellen Zusammenhang klar zu werden und damit bin ich nicht allein.

Versucht man zu HS und HB den Scanner hinzuzunehmen, wird es kompliziert. Der Scanner (nach Barbara Sher) beschreibt im Grunde nur eine Persönlichkeit mit vielen Interessen und Begabungen, die sich nur so lange mit etwas beschäftigen mag, wie genug Interesse daran vorhanden ist. Dem entgegen steht der Taucher, den scheinbar nur eine Sache interessiert und der ein Leben lang bei dieser Sache bleiben kann. Wobei man hier die Zwischenstufen nicht vergessen darf, auch ein Scanner kann durchaus mal tauchen. Der Scanner ist hier kein wissenschaftlicher Begriff wie die Hochsensibilität oder Hochbegabung, eignet sich also auch nur bedingt, ihn mit diesen Dingen in einen Topf zu werfen. Also nehmen wir noch zwei weitere Begriffe hinzu, Extraversion und HSS (High Sensation Seeker).

Was ist nun Extraversion und ein HSS? Der HSS ist der, der immer wieder den Kick des Neuen braucht, und eine extrovertierte Persönlichkeit bezieht ihre Energie aus der Interaktion mit ihren Mitmenschen, während eine Introvertierte Person ihre Batterien alleine am besten regenerieren kann. Dabei sollte man HS nicht mit Introversion verwechseln. Da gibt es also tatsächlich Hochsensible, die Extrovertiert sind und immer wieder auf der Suche nach neuen Eindrücken durch die Welt wandern. Wie man sieht, gibt es eine ganze Reihe an Begriffen, die wohl mehr oder weniger Zusammenhängen oder einfach auch nur zusammen auftreten können.

Wichtig ist allein was du daraus machst

Das einzige was ich wirklich zu all diesen Begriffen sagen kann ist, dass es sie gibt und diese Eigenschaften können sich alle in einem einzigen Menschen wiederfinden. Die Betonung liegt auf können. Und gerade wenn man diese Gegensätze in sich vereint ist es besonders wichtig, auf jeden einzelnen Aspekt einzugehen und zu schauen, was das für das eigene Leben bedeutet und wie man diese für sich integriert, damit man sich mit sich selbst wohl fühlt.

Als ich mir nach und nach die ganzen Beschreibungen von HS und HB über Scanner und HSS durchgelesen habe, dachte ich mir, na klasse, ich kann mich in jede dieser Schubladen setzen, uäh. Denn überall fand ich etwas, das zu mir passte und das ist mir eigentlich viel zu viel. Zum Glück ist nicht alles gleich stark ausgeprägt, sondern verhält sich ungefähr so: Als Grundlage nehme man eine große Schüssel voll Hochbegabung, würze diese mit reichlich Sensibilität, gebe eine Prise Abenteuerlust hinzu und garniere alles mit einem bunten Muster aus unendlicher Neugier. Et voilà, man hat einen wunderbaren, völlig durchgeknallten, liebenswerten Menschen, der sich selbst immer wieder in Frage stellt, aber auch nie aufhört nach Antworten zu suchen.

Schubladen sind für den Anfang also ganz nett, um mal zu sehen was es denn so im Angebot gibt. Aber am Ende sollten wir uns das raus nehmen, was zu uns passt und uns hilft uns so anzunehmen, wie wir sind. Das ist sicherlich, gerade zu Anfang, nicht immer einfach, lohnt sich auf lange Sicht aber um so mehr.

Wie sieht es bei dir aus? Schaust du dich noch in den Schubladen um, was zu dir passt, oder hast du dich schon davon gelöst und bist dabei jeden Teil deiner Persönlichkeit anzunehmen und wertzuschätzen?

Nachtrag

2 Kommentare

  1. Sehr schön geschrieben!!!
    Wer offen für die Welt ist und bleibt…..stagniert nicht 🙂
    LG Marcel

  2. „Völlig durchgeknallten, liebenwerten Menschen“…Das hast du schön geschrieben. Auch der Knoten im Kopf. Ich unterschreibe deinen Text mit „ja, is so“. Ich habe meine Zweifel, dass ich hochbegabt bin. Ich denke eine starke Sensitivität, die über Jahre dazu analytisch verwendet wird, führt zwangsläufig dazu, dass man schneller merkt, wohin der Hase gleich läuft und auch was der Hase fühlt. Das Scannen, das empfinde ich als anstrengend. Ich glaube aber kaum, dass Menschen mit einem geborgenen Elternhaus es entwickeln. Ich glaube es dient zur „Mängelbeseitigung“.

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