Kategorien und Strukturen – Ordnungswahn für Scanner

Mir ging es Anfangs so wie vielen Scannern. Wie bringe ich meine Gedanken und mein Umfeld in eine Struktur? Wie halte ich Ordnung in meinen Notizen und 1001 Idee?

Ordnung muss sein

Das habe ich schon als Kind gelernt. In der Schule wurde das Datum ordentlich in die Ecke geschrieben und zu Hause bekam meine Mutter fast einen Herzanfall, wenn es in meinem Zimmer mal wieder aussah als hätte eine Bombe eingeschlagen. Sie hat sich dann zwar beschwert, es bis auf Weihnachten aber auch dabei belassen. Dann herrschte allerdings Aufräumzwang. Ohne sauberes Zimmer nix mit Weihnachten. Ich hab’s dann zum Glück nie so weit kommen lassen, aber ich war nah dran…

Ich weiß nicht genau, wann ich dann zum Ordnungsfanatiker wurde oder ob es tatsächlich in meiner Natur liegt. Jedenfalls hat es mich einige Zeit gekostet, mein natürliches Chaos wiederherzustellen. Ich fühle mich zwar immer noch wohler, wenn meine Umgebung aufgeräumt und sauber ist, habe es aber auch nicht eilig aufzuräumen.

Mein Chaos habe ich vor einiger Zeit wieder neu eingeführt, weil ich mich eigentlich nicht daran erinnern konnte, von Natur aus so ordentlich zu sein. Bei mir hat alles seinen Platz und das hat bitte auch so zu bleiben. Ich werde sonst irre, wenn ich ständig alles suchen muss. Für diesen Ordnungstick gibt es also zumindest eine Erklärung. Wenn immer alles am selben Platz ist, muss ich mir nicht ständig merken, wo ich etwas gelassen habe. Ich sortiere aber auch des Öfteren um, wenn ich eine bessere Möglichkeit finde mein Zeug zweckmäßig im Raum zu verteilen.

Ordnung in Gedanken und Ideen bringen

Natürlich möchte ich dann die Ordnung meiner Dinge auch auf meine Gedanken und Ideen übertragen. Und da fangen die Probleme an. Wie ordnet man etwas so chaotisches wie Gedanken? Alle meine Versuche eine Struktur aufzustellen sind gescheitert. Immer gibt es etwas, was einfach nicht in das festgelegte Schema passt. So ein Ärger! Blöde Gedanken! Oder bin ich einfach zu doof um das richtig hinzubekommen?

Ich habe es mit Notizbüchern versucht. Und war immer wieder genervt, wenn ich etwas zu einem Thema dazu schreiben wollte, was mitten drin steht und keine freie Seite weit und breit. Hinten reinschreiben? Doof, dann finde ich es ja nicht im Zusammenhang mit der anderen Seite wieder. Nein, alle meine Methoden hatten einen Schwachpunkt und das ging mit tierisch auf die Nerven. Es sind übrigens nicht nur Ideen und Gedanken die sich weigern, sich Kategorisieren zu lassen. Papiere, das was so in den Briefkasten flattert, sind auch so eine Unart. Hat man einmal eine Struktur mühsam entwickelt, kommt etwas dazu, was wieder nicht eindeutig dazu passt. Zum Haare raufen ist das. So ging es einfach nicht weiter. Ich wollte endlich eine ordentliche Lösung für ein chaotisches System.

Wer findet den Fehler im letzten Satz? Genau! Ordnung in ein chaotisches System bringen. Da ist doch irgendwas faul… Ich brauchte also einen komplett neuen Ansatz für mein Problem. Warum musste ich eigentlich alles ordnen? War das wirklich sooo wichtig? Gleich vorweg, nein, ist es nicht. Das meinen wir nur, weil wir gelernt haben, alles, aber wirklich alles, ordnen zu müssen. Also habe ich mal einen Gegenversuch gestartet und was soll ich sagen, funktioniert 1A.

Chaos zu Chaos

Ich habe mich gefragt, ob es wirklich wichtig ist, alle Gedanken und Ideen fein säuberlich zu dokumentieren. Gedanken sind in ihrer Natur sehr flüchtige Wesenheiten. Sie kommen und gehen und schwirren uns durch den Kopf, so wie es ihnen gerade passt. Da kann man auch versuchen um eine Lampe kreisende Fliegen zu ordnen. Sieht bestimmt sehr witzig aus. Aber Gedanken sind doch so furchtbar wichtig, könnte man jetzt argumentieren. Nein, sind sie nicht. Tut mir leid, dass ich dein Weltbild zerstören muss. Alles was so schnell kommt und wieder geht, wie unsre Gedanken, kann gar nicht so wichtig sein, dass wir bei dem Versuch irre werden, diese festzuhalten. Wirklich wichtige Gedanken haben nämlich die Angewohnheit, tatsächlich immer wieder aufzutauchen. Es gibt also keinen Grund, sie wie ein Insekt an die Wand zu nageln, wo sie dann rumzappeln und uns ablenken. Genauso verhält es sich übrigens mit Ideen, die ja letztendlich auch nur mal irgendwelche Gedanken waren.

Ich habe also angefangen, meine Gedanken Gedanken sein zu lassen. Nein, einfach war es Anfangs wirklich nicht, aber es wird leichter. Man bemerkt nämlich schnell was es für eine Erleichterung ist, nicht ständig jeden Gedanken festhalten zu müssen. Das ist richtig entspannend und man hat Energie, mal über wichtige Dinge nachzudenken.

Ich schreibe gelegentlich immer noch Gedanken auf. Das macht es mir leichter konkret über etwas nachzudenken. Ansonsten wirbeln meine Gedanken so durch die Gegend, dass ich nicht vom Fleck komme. Was ich aber nicht mache, ich Archiviere dieses Geschreibsel nicht. Kein Notizbuch, keine Dateien auf meinem Rechner. Ein Block, ein Stift. Wenn alles gedacht wurde, kann der Zettel in den Papierkorb.

Ich kann deinen Aufschrei bis hierhin hören. Aber das ist doch alles so wichtig! Würden wir uns wünschen, ist es leider nicht. Wenn ich einmal etwas durchdacht habe, habe ich das Ergebnis ja im Kopf. Wozu brauche ich dann den Rechenweg dazu? Sollte die Frage noch einmal auftauchen, werde ich diese Notizen eh nie wieder finden, wenn ich überhaupt noch weiß, dass sie existieren. Jeder Zettel ist nur zusätzlicher Ballast.

Ideen, wichtiger als andere Gedanken?

Vielleicht ahnst du es schon, sind sie nicht. Also wenn dein Kopf ähnlich viele Ideen am Tag produziert wie meiner, stell dir mal folgendes vor:

Jede Minute hast du eine neue Idee, du schreibst sie kurz auf, für später, denn gerade ist keine Zeit für die Umsetzung. Das geht den ganzen Tag so. Jeden Tag. Hin und wieder hast du Zeit und setzt etwas um, sagen wir, eine Idee pro Woche. Fällt dir schon was auf? Wann willst du jemals so viel Zeit haben, um all die aufgeschriebenen Ideen dann auch umzusetzen? Und jetzt sag mir nicht wenn du in Rente gehst, dann hast du ja noch weniger Zeit als jetzt. Alle Ideen für später aufzuschreiben, ist also vergebliche Liebesmüh. Sie belasten dich und du hast ständig das Gefühl, dass etwas auf seine Erledigung wartet. Die wirklich wichtigen Ideen kommen immer wieder, aufgeschrieben oder nicht.

Die Freiheit mir nichts merken zu müssen

Wie zum Teufel gehe ich also jetzt damit um. Das läuft so, möchte ich etwas genauer durchdenken, schnappe ich mir einen Zettel und schreibe. Danach kann der Zettel weg, denn beim nächsten Mal habe ich die Sachen noch im Kopf oder der Gedanke hat sich leicht verändert, so dass die alten Notizen eh nicht mehr helfen.

Aber all meine schönen Ideen… Tja, die schreibe ich nicht mal mehr auf. Es sei denn sie sind wirklich überlebenswichtig und das sind die wenigsten. Bei jeder Idee stelle ich mir die Frage, ob ich gerade Zeit dazu habe. Nein? Schön das du da warst Idee, bis zum nächsten Mal, vielleicht passt der Zeitpunkt dann besser. Sache erledigt. Nur wenn ich wirklich Zeit und Lust habe, mache ich mich an die Umsetzung. Genau so läuft das übrigens auch mit den Artikel die ich schreibe. Weder setze ich mich zu einem festen Zeitpunkt vor ein festgelegtes Thema, noch schreibe ich alles auf. Ja, ich habe eine Liste angefangen mit Themen, die ich unbedingt mal bearbeiten möchte. Die ist aber eher für den Notfall, falls ich doch Inspiration brauche. Wird wahrscheinlich nie passieren, gibt aber ein bisschen Sicherheit.

So mit seinen Gedanken umzugehen scheint auf den ersten Blick vielleicht radikal. Diese Sichtweise hilft mir aber seit einiger Zeit sehr gut, meinen Kopf relativ freizuhalten. Dadurch habe ich endlich genug Energie, mich den wirklich wichtigen Dingen zu widmen. Zum Beispiel spannende Artikel zu schreiben.

Nun bin ich gespannt wie du mit deinen Gedanken und Ideen umgehst. Schreib mir dazu doch einen Kommentar.

5 Kommentare

  1. Alles das, was ich gerade gelesen habe, kommt mir so vertraut vor… ja, mir geht es damit nicht anders, als Dir. Da ich aber gerade in den Startlöchern zum Stammtisch liege, fehlt mir die Zeit, mich dazu auszulassen… 😉
    Wobei… meine Gedanken sind frei… sie kehren – wenn wichtig – doch immer wieder in dieser oder einer ähnlichen Form zu mir zurück und ich schreibe sie nicht auf.
    Mein Problem ist nach wie vor, in dem anderen Chaos etwas Ordnung zu schaffen, was mir nach wie vor – bei anderen nicht, nur bei mir selbst – sehr schwer fällt. Das läuft aber immer damit parallel, was in meinem Leben passiert… und Todesfälle reissen mich in den letzten Monaten immer wieder aus den schon gefassten Vorsätzen, endlich Ordnung ins Chaos zu bringen… aber ich verzage nicht, ich werde es im Auge behalten!
    Lieben Gruss aus Düsseldorf von Bruni

  2. Mir gefällt, was du schreibst. In erster Linie dein Schreibstil, der einfach Spaß macht. Ich bin nicht ganz deiner Meinung, versuche durchaus gewisse Konzepte festzuhalten, weil ich – was mir früher nie passiert ist, muss am Alter liegen – zunehmend dazu neige, dass wenn die genialen Gedanken wieder auftauchen, ich aber vergessen habe, wie das Konzept dazu ausgesehen hat. Trotzdem schmeiße ich aber viel von dem was ich aufschreibe irgendwann auch gerne wieder weg. Und jedenfalls macht es mir riesig Freude andere Sichtweisen kennen zu lernen, vor allem wenn sie so verpackt sind, wie deine. Herzlichen Dank!

  3. Schön geschrieben 🙂
    Darüber hinaus empfinde ich auch Deine Vorgehensweise als absolut richtig! Ich helfe kreativen Menschen, Struktur und Ordnung in ihre Selbstständigkeit zu bringen. Und auch wenn ich selber strukturiert bin platze ich selber fast vor Ideen. Ich habe selber genügend „Scanner“ in mir…
    Ich gehe so vor: Ideen, die es wert sind notiere ich mir. Die anderen fallen von vornherein weg. Wenn ich nach einer gewissen Zeit die Idee nicht angefangen/ umgesetzt habe, dann fliegt sie raus. Weg damit.
    Denn schließlich kann die Idee dann nicht so wichtig gewesen sein. Sie belastet mich dann nur und setzt mich unter Druck, weil sie noch auf meiner Liste steht.
    Je bedeutsamer eine Idee ist, desto wahrscheinlicher wird sie mich zur richtigen Zeit finden.
    Liebe Grüße, Andrea

    • Danke für Deine Zustimmung Andrea 🙂
      Eine wunderbare Vorgehensweise die du beschreibst! Meist sammeln sich bei mir auch einige Sachen an, die ich dann irgendwann durchgehe und aussortiere. Und ich stelle immer wieder fest, was für mich wichtig ist gibt niemals Ruhe, es meldet sich immer und immer wieder 🙂

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